Freiheit oder Freizeit?
11. Juli 2010 | 79 x gelesen.
Die Überschrift könnte eigentlich auch heißen “vom König der Landstrasse zum Sklaven” oder “LKW Fahren früher und heute”. Nachdem ich nun 23 Jahre lang als LKW-Fahrer im internationalen und nationalen dänischen Verkehr unterwegs war, habe ich langsam aber sicher immer mehr die Lust am Fahren verloren. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in meinen Anfängen drüber geflucht habe, wenn man stundenlanges Sitzen an Zollämtern mal wieder fast unerträglich war oder man eine Telefonzelle suchen musste, um sich die nächste Order zu holen. Aber im Großen und Ganzen war das ganze viel ruhiger als heutzutage.
Früher, zu meiner Anfangszeit als Fahrer gab es keine Mobiltelefone und jeder Grenzübertritt war mit Wartezeit beim Zoll verbunden. Auf der anderen Seite hatten wir Fahrer damals noch deutlich mehr Zeit und Ruhe. Ein LKW zu kontrollieren war für die Disposition ja nur möglich, wenn wir uns mal gemeldet haben. Damals konnte man, wenn es beim Be- oder Entladen oder halt auch an den Grenzen schnell ging mal etwas Zeit zum Baden, Bummeln oder Klönschnacken erlauben. Die Spediteure und Fuhrunternehmer haben noch gutes Geld am Transport verdient und dementsprechend ging es uns Fahrern auch gut. Dann kamen so langsam die ersten Mobiltelefone in die Fahrzeuge, im ersten Moment ja eine wirklich tolle Erfindung. Wir brauchten nicht mehr auf Raststätten fahren oder bei Kunden nach einem Telefon zu betteln. Man war das super bequem. Heutzutage kann man die kleinen Handys schon fast manchmal verfluchen. Zum einen ist man eigentlich für die modernen Sklavetreiber immer erreichbar, die komischer Weise immer dann anrufen, wenn man grad mal aus dem LKW raus will oder Pause hat. Und zum anderen kann ich es absolut nicht vertragen, wenn man mal in Ruhe was essen möchte, das es ständig piepst, bimmelt oder sonst was. Besonders potenzschwache Zeitgenossen legen aus oder wegen ihrer extremen Unwichtigkeit ständig ihre Taschenterrors auf den Speisetisch. Ich hasse solche Spinner.
Grenzen gibt es in der EU ja fahrtechnisch nicht mehr. Schön, man kann sich die zeitraubenden Stopps sparen und viele Kilometer an einem Tag fahren. Das haben auch Disponenten schnell gelernt, seitdem ist noch ein stück Ruhe und Kollegiales auf der Strecke geblieben. Egal wo und an welche Grenze man kam, aber ein Bekannten oder Landsmann zum Schnacken und Essengehen hat man eigentlich fast immer getroffen. War irgendwie auch gemütlich. Heutzutage ist alles so knapp geplant, das man schon gerne 700 eher 800 Kilometer am Tag oder halt in der Nacht schaffen muss. Meist kommt man dann nach ner nervigen Parkplatzsuche auf so einem kleinen Parkplatz, ohne alles mit eckeleregendem Klohäuschen zum stehen und kann sich nicht mal menschenwürdig waschen. Obendrein muss man aus Angst vor kriminellen Banden, die Fahrer mit Gas betäuben und Ladung und/oder Privatsachen aus der Kabine klauen wollen, alle Fenster geschlossen halten, auch bei 35 Grad im Schatten. Das war früher auch mal anders…
Das Tollste was es gibt ist ja Satellitenzeugs, angefangen bei GPS, welche kaum für die Bedürfnisse von LKW ´s geeignet sind, da die kleinen Teile weder Brücken, Durchfahrtshöhen, Gewichtsbegrenzung und und und kennen. Obendrein ist die neueste Generation Fahrer meist auch zu dumm sich ne Strecke zu merken oder ne Karte zu lesen. Dann gibt es da ja noch die Satelittenüberwachung, ganz tolle Erfindung. Es soll ja Firmen geben, die nichts besseres zu tun haben, als die Fahrstrecken ihrer Fahrer zu überwachen und zu kontrollieren. Bei der kleinsten Abweichung klingelt dann sofort das beliebte Telefon. Auch Zeiten, Lade- und Ruhezeiten lassen sich damit überwachen, also ist morgens mal ne Stunde länger Schlafen, wenn man am Abend zuvor mal ein Glas Wein oder ein Bier mit einem netten Zeitgenossen hatte, auch nicht mehr möglich. Die eh schon unterbezahlten Sklave sollen ja auch Malochen und sich nicht auf Amüsierfahrt begeben. 50-80 Arbeitsstunden pro Woche sind ja nun auch wiederum nicht so viel. Oder?
Ach ja ich vergaß, selbstverständlich wird der Fahrtenschreiber auf Pause gestellt beim stundenlangen Warten auf die Zuteilung einer Entladerampe und späterem SELBSTENTLADEN bei großen Discountern und ähnlichen Betrieben, wo der Fahrer noch fremde Lagerarbeit ausführen muss…
Und zu guter Letzt Lohn. Lohn ist das, was seit Jahren bei den meisten Fahrern im Gegensatz zu den meisten Arbeitern und Angestellten, nicht bis kaum gestiegen ist. Seit der Krise ist auch noch Lohndumping dazugekommen, Friss oder Stirb halt. Und viele müssen fressen, grad Alleinverdiener die sich abstrampeln und vielleicht ihr kleines Häuschen und ne Familie durchzubringen. Der Ottonormalarbeiter kann nicht verstehen was es bedeutet, wenn ein Fahrer Sonntagabends wegfährt und erst am Freitag oder Samstag darauf Müde von einer 75 Arbeitsstunden Woche heimkommt, und im Monat grad mal 1500 Euro Brutto bekommt. Ich kann es wiederum verstehen. Jeder der mal auf einer Raststätte Essen war wird sich ausmalen können wie weit man mit 16 Euro Spesen am Tag kommt. Obendrein dürfen viele Kollegen die staatlich verordneten Ausgaben für den Arztbesuch ab dem 50. Lebensjahr, die regelmäßige Erneuerung für die Digitalen Fahrerkarten für den Tachografen oder die jetzt neu vorgeschriebene EU-weite Fahrerschulung (Kosten sollen bei ca. 1200 Euro liegen) die innerhalb von 5 Jahren erneuert werden muss, tragen und auch noch 5 Tage Urlaub verschlingt. Woher sollen die Fahrer das Geld noch nehmen?
Sorry liebe Chefs, auch wenn euch das Wasser bis zum Hals steht, das ist immer noch kein Grund seine Angestellten mit Füssen zu treten und zu schikanieren. Schaut euch doch einmal die Fahrzeuge an, in denen ihr Fahrer leben lasst, da hat so mancher Dackel im Verhältnis mehr Lebensraum und Luxus. Ich habe gehört, das es auch Exemplare aroganter Firmeninhaber geben soll, welche während eines Aufenthalts in der Klappse wochenlang sich um nix kümmern und hinterher den bösen Fahrern für alles die Schuld geben, wenn sie dann von 6 auf 1 LKW zurückgeworfen werden und massig Schulden ansammeln. Peinlich find ich auch diejenigen, welche Ex-Angestellten um ihr sauer verdientes Urlaubsgeld bescheissen wollen. Naja – für sowas gibt es ja funktionierende Gewerkschaften. Ihr braucht euch auch nicht zu wundern, wenn die Krise überstanden ist und der Aufschwung kommt, das Ihr keine erfahrenen Fahrer mehr bekommt.
Ich für meinen Teil habe seit längerem mich nach einem Ottonormaljob umgeschaut, weil ich kein Bock mehr auf das zum Teil oben geschriebene hatte. Ich kann jetzt berichten das ich recht viel Glück hatte und Anfang Mai als absoluter und in dieser Branche recht unerfahrener Quereinsteiger ein Job in einer Fabrik für Holzverpackungen aller Art mit dem Schwerpunk Euro- und Spezialpaletten in Dänemark bekommen habe. Mir macht die Arbeit Spaß, auch wenn das zu Anfang recht ungewohnt war jeden Tag zur Arbeit zu fahren und nach 7,5 Std wieder Heim. Ich werde sehr gut behandelt und verstehe mich bestens mit meinen neuen Arbeitskollegen, die sich viel Mühe geben mich an den verschieden Produktionslinien und diversen Sägen anzulernen und ab und zu bin ich dort auch als Gabelstaplerfahrer tätig. So schnell werden die mich jedenfalls nicht mehr los. Ich habe jetzt zwar 15% weniger in der Lohntüte, dafür aber auch 34 – 37 Stunden statt als Fahrer zwischen 60 und 80 Stunden Arbeitszeit. Aber immer noch mehr als z.b. ein Fernfahrer in Norddeutschland.
Nach 23 Jahren on the Road ziehe ich jetzt die Freizeit und eine faire Behandlung am Arbeitsplatz vor. Das LKW-Fahren, das eimal mein großer Traum gewesen ist, vermisse ich kein bisschen.
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